Schwule Weisheiten aus dem World Wide Web

"Ich war immer schon ein Klugscheißerle, das gerne anderer Leute Fehler kommentiert." Ein Interview mit dem Autor Peter Peschke über Dating-Portale und philosophische Abgründe.

Peter Peschke hat für Trau keinem dem du nicht traust! eine kleine aber feine Fundgrube philosophischer Abgründe aus verschiedenen schwulen Dating-Portralen zusammengetragen und pointiert kommentiert. Wer sich für schwule Philosophen interessiert, sich aber an Foucault noch nicht heranwagen möchte, der fängt mit diesem Büchlein und den wirklich naheliegenden Problemen an. Wir haben den Autor zu einem Interview getroffen:

Wie kamst du dazu, ein Buch über die "philosophischen Abgründe aus Dating-Portalen" zu schreiben?

Da steckt nicht wirklich ein Masterplan hinter der Idee, wie man sich denken kann. Ich war einfach immer schon ein Klugscheißerle, das gerne anderer Leute Fehler kommentiert. Das passiert ganz reflexartig, aber es kommt, hoffe ich, auf ganz witzige und charmante Weise rüber. Wenn man dann über den blauen Seiten hockt und sich bei so manchem Profiltext die Hand vor die Stirn klatscht, dann ploppen da in meinem Kopf auch Kommentare auf - aber dafür gibt es in dem Moment natürlich kein Publikum. Und man schreibt ja auch niemanden an, um ihm zu sagen "Hihi, dein Text ist aber ganz schön deppert, weißt du, was ich gerade denken musste ...?". Das wäre ja unhöflich. Aber irgendwann kam die Idee, solche Stilblüten und die dazu passenden Kommentare zu sammeln. Et voilà ... Zumal ich denke, dass ich sicher nicht der einzige bin, der sich über Profiltexte amüsiert.

Und wieso sind diese Abgründe nun philosophisch?

Ich find es ganz spannend, was man da so alles findet - und ich frag mich immer gleich, was in so einem Kopf vorgeht. Wenn jemand in seinem Profil über die Männer im Allgemeinen klagt und schreibt "du kannst ihnen die Punz direkt vor die Nase packen und nicht die leiseste Ahnung haben, was sie denken" ... dann hat er sich ja irgendwas dabei gedacht. Aber was? Und was ist eigentlich eine Punz? Oder das titelgebende "Trau keinem, dem du nicht traust!". Da destilliert jemand sein geistiges Potenzial, um eine Aussage von Gewicht und Größe zu machen, und heraus kommt so etwas. Ich klatsche Beifall.

Kannst du Tipps geben für gute Profiltexte?

Nö, den Schuh will ich mir nicht anziehen. Wenn das Buch sich gut verkauft, kann ich ja 'ne Fortsetzung schreiben, also sage ich mal: Weiter so, Leute ... Nein, ich denke einfach, man sollte erst denken, dann tippen. Viel mehr fällt mir da offen gesagt nicht ein. Ich finde auch, man sollte das nicht so ernst nehmen. Es ist ja eigentlich ganz schön, dass es solche Texte gibt, wie ich sie gesammelt hab. Das macht die ganze Sache menschlicher, lustiger - und man versteift sich nicht so auf diesen Muss-jemanden-finden-Aspekt.

Was steht eigentlich in deinem eigenen Profil?

Oha. Böse Frage. Früher hab ich mir da noch Gedanken gemacht, hab irgendwie versucht mit Zitaten, eigenen Texten und Verweisen auf Bands und Regisseure und Bücher einen Eindruck davon zu schaffen, wer ich bin. Liest natürlich kein Schwein. Und es kommt ja beim Leser auch nicht so an, wie es im eigenen Kopf funktioniert. Also habe ich mit den Jahren komprimiert. Derzeit bin ich inkognito unterwegs, vielleicht ändere ich das mal wieder. Ich sehe nämlich gerade, dass mein Profiltext immer noch ziemlich treffsicher mein Anliegen formuliert: "Wenn du 1,93 m misst, 32 Jahre alt bist und dich charakterlich im Grenzbereich zwischen schüchtern und wild bewegst, könnte es passen. Wenn nicht, auch."

Wie denkst du über Dating-Portale?
Und was für einen Nutzen verfolgen sie deiner Meinung nach wirklich?

Die haben auf jeden Fall ihre Berechtigung, aber ich selbst nutze sie derzeit quasi gar nicht. Ich stelle mich da zu blöd an oder habe ein Gesicht, das nur eine Mutter lieben kann. Was man da will, ist ja klar: Man will jemanden kennenlernen und das soll dann im Idealfall schon zum Austausch von Körperflüssigkeiten führen. Wer das mit dem Kennenlernen gerne überspringt und wirklich nur Sex sucht, hat es da wohl auch ganz leicht, solang er ein Aussehen zu bieten hat, für das sich Abnehmer finden. Ich bin aber so ein schrecklicher Sozialkasper, würde vorher noch gerne einen netten Abend mit demjenigen verbringen, bin zu schüchtern, den ersten Schritt zu machen, blah blah blah. Ich stehe mir da gerne selbst im Weg, aber prinzipiell wäre es mir wurscht, ob ich einen Typen nun online kennenlerne, oder im Supermarkt, vor den Kartons mit dem Sekt im Sonderangebot.

Was ist das für ein Gefühl, Dein erstes Buch geschrieben und veröffentlicht zu haben?

Es ist ja kein Buch, es ist mehr so ein Büchlein. Und ich bin auch immer bemüht, mich der Welt als Pragmatiker zu präsentieren. Das ist jetzt halt da, und ich hoffe, dass es den einen oder anderen erheitert. Mich erheitert es offen gestanden immer noch, wenn ich da reingucke. Aber ich bin auch nicht fies davor, über meine eigenen Witze zu lachen. Irgendwer muss es ja tun. Ein bisschen mehr Bammel habe ich davor, dass im Dezember meine erste Romanübersetzung rauskommt. Ich habe "Faggots" von Larry Kramer ins Deutsche übersetzt. Und für einen 400-Seiten-Roman, der ein verrückt-geniales Meisterwerk ist, eine würdige Übersetzung zu schaffen ... das ist schon 'ne andere Hausnummer.

Das Alter Ego von Peter Peschke: Frustella Antipasti
Foto: R. Katzenstein

veröffentlicht in Allgemein, Veröffentlichungen, Veranstaltungen, Interviews, Features, Videos, Fotografie, Comic, Ankündigungen am 09.09.2011

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