Schwule Kicker? Julian Altmann im Gespräch über Homos und Profifussball
Ist er's oder ist er es nicht? Im deutschen Profifußball hat sich bisher noch nie ein Spieler als homosexuell geoutet. Die "Suggest"-Funktion des Internetsuchdienstes Google, die jedes Suchwort während der Eingabe automatisch um die Begriffe erweitert, mit denen es am häufigsten kombiniert wird, beweist aber: Ob Lahm oder Neuer, Mertesacker oder Friedrichs - die Frage nach der sexuellen Orientierung unserer Top-Sportler scheint die Fans zu beschäftigen; bei etlichen Spielernamen schlägt Google das Wort "schwul" als eine der meistgenutzten Suchergänzungen vor.
Davon, dass in der Bundesliga tatsächlich keine Homosexuellen spielen, ist kaum jemand ernsthaft überzeugt - auch die Spieler selbst nicht. Wer aber in Sachen Outing den Anfang machen würde, auch das ist jedem klar, würde sich einem Spießrutenlauf aussetzen, dessen Ausmaße nicht absehbar sind.
Der Autor Julian Altmann legt nun mit seinem Debütroman "Der Mittelstürmer" einen bewegenden und spannenden Roman zum Thema vor. Hauptfigur ist der fiktive Profi-Kicker Marc Kliff, der die Karriereleiter steil nach oben klettert, während er als Privatmensch mit der Tatsache hadert, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Einfühlsam und ohne unrealistische Schönmalerei schildert Altmann Kliffs Kampf.
Julian, ohne zuviel aus dem Inhalt verraten zu wollen: Dein Buch wird einem schwulen Profi-Kicker sicherlich nicht als Leitfaden für ein erfolgreiches Coming Out dienen; in sportlicher Sicht ist die Bilanz für die Hauptfigur negativ.
Wenn Du rein von der Profisportkarriere ausgehst, gebe ich Dir recht. Oder man müsste über den Begriff "Erfolg" im allgemeinen Nachdenken. Für mich kann Marc, die Hauptfigur, nach allem, was er erlebt, authentischer und freier leben. Und dadurch hat er viel an Lebensqualität gewonnen.

Was hat dich überhaupt zu dem Buch inspiriert und inwieweit hast du dich dafür an der Realität unserer Fußballbundesliga orientiert?
Ich habe Freunde im Profifußball. Dadurch kenne ich diesen Bereich ein wenig. Und die Menschen die ich dort kennengelernt habe, sind offen, liberal und haben mit dem Thema "Schwul" kein Problem. Was mir bei den Recherchen für den Mittelstürmer aufgefallen ist: In dem Umfeld, diesem ganzen Mythos Fußballwelt drum herum, ist für dieses Thema kein Platz. Schwulsein wird entweder zu Tode geschwiegen, als Schimpfwort verwendet oder es wird behauptet, im Fußball gäbe es keine Schwule. Besonders in den Funktionärsbereichen gibt es darüber immer noch eine eingefahrene, weltfremde Meinung.
Junge Spieler kommen in einem Alter zum Fußball, in dem sie noch lernfähig sind. Junge Menschen, die vielleicht mit diesem Thema keine Probleme hätten. Aber dann werden sie den ganzen Tag mit Sprüchen wie: "Spiel nicht wie eine Schwuchtel" oder "Der warme Bruder wird was erleben in der Dusche" zugemüllt. Wie sollten sie sich in so einem Umfeld einen gesunden Zugang zum Thema "Schwul" verschaffen? Dann kommt ja noch der Gruppenzwang dazu. Keiner will als Außenseiter dastehen. Ich denke, allein der Druck, sich als Fußballer zu etablieren, ist groß genug.
Kampagnen für Integration und gegen Drogenmissbrauch sind längst Standard, metrosexuelle Fußballer sind konsensfähig, schwule Fanclubs werden zunehmend präsenter. Woran liegt es, dass dieser letzte Schritt - offen schwule Profi-Kicker - immer noch in so weiter Ferne scheint?
Ich wäre sehr glücklich, wenn ich diese Frage beantworten könnte. Ich denke, es braucht ehrgeizige, engagierte Menschen die an diesem Thema kontinuierlich dranbleiben. Konservative Strukturen aufzuweichen, einen Pardigmenwechsel in der Gesellschaft zu erarbeiten braucht seine Zeit. Aber ich bin mir sicher, dass es gelingt. Momentan habe ich das Gefühl, dass alles ein wenige langsamer passiert. Wir befinden uns in einer Wirtschaftskrise und in so einer Zeit greifen vielen Menschen wieder auf sehr konservative Werte zurück. Sie brauchen eine strenge Struktur um sich in schwierigen Zeiten festhalten zu können. Geht es ihnen wieder besser, denke ich, werden sie auch wieder offener für Themen, die sie nur peripher betreffen.

Hätte die Geschichte von Marc anders ausgehen können, wenn er von Anfang an ehrlich zu sich selbst gewesen wäre?
Meiner Meinung nach wäre er, wenn er sich von Anfang an zu seiner Homosexualität bekannt hätte, nie so weit gekommen. Mag sein, dass er dann in einem anderen Bereich ein für sich besseres Leben gefunden hätte. Aber in der momentanen Situation des Profi-Fußballs wäre ein Outing mit einem Karriere-Ende verbunden. Allein der Druck dem ein geouteter Spieler ausgesetzt wäre, ist für einen Profisportler nicht lebbar.
Was denkst du, wie sähe die Situation für einzelne Spieler aus, wenn Bundesliga-Mannschaften geschlossen ein Signal setzen würden: "Homo oder Hetero - uns ist das egal!". Und warum scheint das nicht möglich, wo sich doch längst viele einzelne Fußballer stark machen für Akzeptanz?
Ich denke es ist möglich, aber ich bin auch ein sehr positiv denkender Mensch. Es braucht seine Zeit. Wenn wir die Geschichte betrachten, hat sich in den letzten 30 Jahren viel zum Positiven entwickelt. Natürlich geht es mir und wahrscheinlich vielen anderen auch zu langsam, aber es bewegt sich. Menschen entwickeln schon mal Ängste vor dem Unbekannten, verteidigen ihre Strukturen. Meiner Meinung nach geht das nur mit positivem Vorleben anderer Lebensentwürfe.
Ich lebte vor Jahren in einer schwulen Beziehung in einem Dorf. Anfangs war es schwierig. Wir brauchten sehr viel Kraft und vor allem Selbstbewusstsein. Aber nach einem Jahr begann die Dorfgemeinschaft uns zu akzeptieren. Sie lernte uns als Menschen kennen und verlor die Angst oder die Skepsis vor dem Fremden. Ich denke, man muss solchen Menschen auch die Chance geben, ihre Vorurteile abzubauen. Wie sollen sie es denn sonst lernen? Von zu Hause bekommen viele nur unreflektierte Vorurteile mit. Natürlich braucht dieser Lernfaktor Zeit, Nerven und Geduld. Aber es wäre ein sicheres Fundament für eine liberalere Welt.
Um nochmals auf die Frage zurückzukommen: Ja, ich bin mir sicher dass eine Fußballwelt mit offen schwul lebenden Sportlern möglich ist. Aber dazu brauchen wir noch Geduld und ein gemeinsames Auftreten. Und natürlich sollte der Staat auch hinter dieser Sache stehen. Aber wer ist der Staat? Sind wir das nicht alle?
Deine Prognose: Wie steht es in 10 Jahren um das Thema Homosexualität und Fußball? Meinst du, es sind überhaupt Änderungen zu erwarten?
Da bin ich mir ganz sicher. Ich denke aber, dass es länderabhängig ist, wie bald das Thema "Schwule und Fußball" offen diskutiert werden kann. Ich lebe in Österreich, hier sind wir mit diesem Thema noch sehr weit hinten. Für Deutschland sehe ich das ein wenig anders. Interessant ist, dass ich hier ein Nord Süd Gefälle feststelle. Wenn wir wirklich Akzeptanz zum Thema Schwul anstreben, bedeutet das noch eine menge Arbeit für engagierte Menschen.
Der Roman "Der Mittelstürmer" ist ab September erhältlich.
Fotos: Rick Day, "Players"
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