Harvey Milk war ein Held! Interview mit Dan Nicoletta

Er arbeitete in Harvey Milks Laden. Er fotografierte ihn. Und er war ein guter Freund. Im exklusiven Interview erzählt der Fotograf Dan Nicoletta von seinen Erinnerungen an Harvey Milk, den ersten offen schwulen Politiker, was er vom neuen Kinofilm über Harveys Leben hält und wie das Foto für Randy Shilts Biografie entstanden ist..

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Wie hast du Harvey kennengelernt? Was war dein erster Eindruck von ihm?
Ich bin im August 1974 einfach in seinen Laden "Castro Camera" gegangen, um dort meine Filme entwickeln zu lassen. Ich war 19 und gerade in die Castro Street gezogen. Scotts und vor allem Harveys Freundlichkeit haben mich schwer beeindruckt. Was für gesellige Typen, dachte ich damals und habe überhaupt nicht mitbekommen, dass Harvey mich anbaggerte. Damals musste ich in Sachen Flirten noch jede Menge lernen. Später begannen Harvey und Scott sich mehr für mich und meine Arbeiten zu interessieren und ein Jahr danach fragten sie mich, ob ich nicht für sie arbeiten würde. Harvey startete gerade seine zweite Wahlkampagne. Als ich das Geschäft verließ, schwebte ich auf Wolke sieben. "Castro Camera" war so ein toller Ort und das ganze Viertel so lebendig. Ich verließ dafür sogar das College. So viel von meinem Leben ging von diesem einen entscheidenden Moment aus ...
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Wann entstand das Foto von Harvey, das auf dem Cover von Randy Shilts Biografie zu sehen ist?

Ich habe es für die Kampagne "Milk for Supervisor" geschossen. Damals wurde es allerdings nicht benutzt, weil auf dem Foto der Wind die Krawatte weggepustet hatte. Erst als Harvey tot war, habe ich das Bild wiederentdeckt. Da es dann keine ordentliche Kampagne mit all ihren Zwängen mehr gab, sprach mich diese Bild aufgrund seines Lächelns und der positiven Energie viel mehr an. Dieses Foto zeigt die Energie dieses Mannes und gleichzeitig den Lauf der Zeit ...

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Dans Foto von Harvey Milk für Randy Shilts Biografie (links) und Dan Nicoletta im Jahr 2004 in San Francisco (rechts)

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Glaubst du, dass Harvey Milks Vermächtnis in der heutigen Politik eine Rolle spielt?
Jetzt, da der Film "Milk" überall zu sehen ist, ja. In den letzten 30 Jahre wurde Harveys Geschichte mal mehr und mal weniger beachtet. Wir waren ja ganz nah an ihm und seiner Sache, aber manchmal war es peinlich, wie wenig man über Harvey im Kontext der LGBT-Bürgerrechtsbewegung wusste und traurig, dass er den jungen Schwulen und Lesben fast komplett unbekannt war. Jetzt ist er dank des Films wieder jedermann ein Begriff und man erinnert sich an ihn als das, was er wirklich war; ein Held der Bewegung. Mal sehen, wie lange diese Begeisterung anhält. Wahrscheinlich aber wird sie anders als bei früheren Projekten länger andauern. Der Film wird mit Sicherheit für lange Zeit eine wichtige Referenz sein. Ich bin so froh, dass ich das noch erlebe. Hoffentlich werden sich jetzt mehr Leute ernsthaft mit Milk und seiner Zeit beschäftigen. Randy Shilts Buch war bahnbrechend aber es gibt noch viel mehr, was über Milk gesagt werden kann und muss.
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Und wie hat dir Gus Van Sants Film gefallen?
Wir alle lieben ihn. Auch wenn es kleinere, nicht ganz korrekte Dinge gibt, die natürlich nur uns auffallen. Der Spirit des Films ist überzeugend und ergreifend, poetisch und schlichtweg universal. Wir glauben, dass der Film ein wirkungsvolles Werkzeug bleiben wird, um die Einstellung der Menschen in Sachen lesbisch-schwuler Bürgerrechte zu verändern. Das ist gerade heute absolut notwendig, Harvey würde sicher zustimmen. Ich bin dankbar, dass das Projekt von den richtigen Leuten gemacht wurde. Dichterische Freiheit auf der einen Seite und auf der anderen zur Überraschung aller eine Geschichte, die auch die nicht-schwule Öffentlichkeit wirklich erreicht. Das hat der Film mit "Brokeback Mountain" gemeinsam. Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl: Gus' künstlerische Fähigkeiten zusammen mit den Produzenten von "American Beauty" Dan Jinks und Bruce Cohen; dieser Film ist ja nicht umsonst bereits ein Klassiker. Er hat den gleichen einzigartigen Spirit; gehaltvoll, klug und stilistisch beeindruckend.
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Randy Shilts schreibt in seinem Buch, dass die Episode mit dem im Rollstuhl sitzenden Jungen so nicht passiert ist. Im Film wird es dagegen als reales Ereignis dargestellt ...

Unter uns alten Freunden und Bekannten von Harvey existiert eine Liste mit allen nicht korrekten Fakten, die schon nach der Erstveröffentlichung des Buches geschrieben wurde. Natürlich gibt es auch nicht wirklich nachweisbare Dinge. Das mit dem Jungen im Rollstuhl ist so ein Fall. Und eigentlich spielt es auch keine Rolle, weil Harvey diese Geschichte so oft in seinen Reden wiederholte, bis es Teil seiner eigenen Geschichte wurde. Davon abgesehen hat er wirklich Anrufe von Kids bekommen. Sogar mich rufen sie an - es ist unglaublich! Ein ungeouteter Zwanzigjähriger aus Orlando, Florida, hat mir erzählt, wie er heimlich aus dem Haus schlich, um den Film zu sehen. Diese Dynamik existiert also, sogar heute. Leider starb Harveys Partner Scott Smith 1995. Er war wahrscheinlich der Einzige, der außer Harvey die Wahrheit kannte. Für viele von uns sind es gerade diese Widersprüche, die Harvey so interessant machen. Ich kann mich übrigens daran erinnern, dass Randy während er sein Buch schrieb, oft mit Scott Smith gesprochen hat.
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Im Film wirst du von Lucas Grabeel ("High School Musical") gespielt, aber du hast auch selbst einen kurzen Auftritt ...

Ja, am Ende des Film. Ich bin mit Harvey in einem Büro, kurz bevor er erschossen wird. Ich spiele meinen Freund Carl Carlson, der Harvey gerade 3000 Dollar geliehen hat. Der Scheck wurde nie eingelöst ...
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veröffentlicht in Veröffentlichungen, Interviews am 03.02.2009

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